Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

33. Sonntag im Jahreskreis / A (19.11.2017)



„Klein gegen Groß"- so lautet der Titel einer beliebten Fernsehsendung. In ihr treten Kinder auf und an, die es auf irgendeinem Gebiet zu Spitzenfähigkeiten oder -leistungen bringen und auffahren, gegen Erwachsene an, die als namhafte Stars und Größen auf einem vergleichbaren Sektor in aller Mund sind. Es geht dabei um einen Wettkampf, bei dem es darum geht, wer wen besiegt. Die Resultate, die dabei herauskommen, sind nicht nur unterhaltsam, sondern auch höchst erstaunlich. Wer diese Sendung kennt, der soll sie gleichsam als Hintergrunderfahrung mit nehmen und mit ihr im Ohr oder Kopf, das Gleichnis Jesu aus dem Evangelium des Sonntags hören und bedenken. Im Kern der Geschichte, die Jesus erzählt, geht es nämlich eigentlich um so einen Vergleichskampf von „Klein gegen Groß".



Wie geht es dabei zu, was läuft dabei im Grunde ab? Im Mann dieses Gleichnisses spricht Jesus von sich selber. Von ihm heißt es, dass er auf Reisen geht. Das ist ein beliebtes Thema Jesu. Im Johannesevangelium sagt er: Jetzt gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und er fügt hinzu: Es ist gut, dass ich fortgehe, sonst kann der Helfer, unter dem er den HI. Geist versteht, nicht zu euch kommen. Es ist also ein Vorteil für uns, dass Jesus von uns verabschiedet, weil er uns dadurch sein Vermögen anvertrauen kann. Dieses ist gerade der Helfer, der Beistand, der Geist Jesu, durch den er Talente, Gaben, Charismen verteilt. Dem einen gibt er fünf, dem andern zwei, wieder einem anderen ein Talent. Am Schluss der Geschichte erhält derjenige, der bereits zehn Talente hat, noch ein elftes dazu. Wir empfinden die ganze Geschichte als äußerst ungereimt, um nicht zu sagen ungerecht. Es scheint so etwas wie eine Grundeigenschaft Jesu zu sein, so quere und anstößige Erzählungen erfunden und weitergegeben zu haben. Der Eindruck, den sie bei uns auslösen, ist eine Verstimmung, ja Empörung. Wir erfahren nichts über die Motive und Gründe des Verteilungsschlüssels. Im Dunklen bleibt auch die Absicht, die Jesus mit der Aushändigung seines Geldes an die Diener verbindet. Die einzige positive Reaktion, die bei uns aufkommt, ist eine verständnisvolle Sympathie für den Knecht, der das eine Talent vergräbt, weil er in unseren Augen als von vornherein benachteiligt erscheint. Er ist so etwas wie „der Kleine" unserer Geschichte.



Warum steigen solche Vorstellungen bei uns auf? Das ist deswegen der Fall, weil wir einfach fraglos selbstverständlich unsere weltlichen und geläufigen Maßstäbe anlegen, die ja eigentlich der Welt der „Großen" entstammen, und uns horizontal mit dem schiefen oder scheelen Blick auf den Mitmenschen orientieren, der fragt: Wer ist bevorzugt? Wo bin ich benachteiligt? Was ist mit dem oder jenem? Jesus antwortet auf solche und ähnliche Fragen mit einem schlichten: „Was geht das dich an? Du, komm mir nach!", und stellt damit das Gleichgewicht der Ausgangsposition wieder her. So ruft er uns in diesem Gleichnis auf, unsere Blickrichtung zu ändern, denn es spielt sich ja nicht auf unserer zwischen­menschlichen Ebene ab. Es spricht ja vom Verhalten Gottes zu den Menschen und der Menschen zu Gott und rückt damit die vertikale Richtung in das Zentrum. Was passiert dabei? Es fällt zunächst auf, dass aus der Sicht Gottes die Unterschiede nicht bestehen, die wir wahrnehmen. Der Herr sagt dem Diener, der mit fünf Talenten arbeitete, das Gleiche wie dem, der mit zwei Talenten wirtschaftete. Zu beiden sagt er: Du bist im Kleinen - da scheint unsere Fernsehsendung wieder durch - ein treuer Verwalter gewesen. Der mit fünf Talenten war also ebenso ein Verwalter im Kleinen wie der mit den zwei Talenten. Die gleiche Wertordnung bestand auch für den, der nur ein Talent bekam; denn alle Gaben, Charismen und Fähigkeiten, die Menschen in diesem Leben verwalten dürfen, sind klein im Vergleich zu dem einen Großen, das noch aussteht.



Was aber ist das eigentliche oder wahre Große? Dieses Große ist nicht irdischer Besitz, irdische Erkenntnis, Wissenschaft, Kunst, Sport, Politik - es ist nichts von all dem, was die Welt groß nennt, denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Vom wirklich Großen aber heißt es: „Was noch kein Auge gesehen, was kein Ohr gehört, was noch in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet, die ihn lieben." (1 Kor 2,9) Es ist die Gemeinschaft, das Miteinander mit Gott, das Hineingenommenwer- den in die übergroße Freude, die niemand nehmen kann und von der Jesus so oft gesprochen hat und spricht, die aber auch kein diesseitiges Talent in sich birgt und die sich durch Leistung nicht erwerben lässt, weil sie einem nur als Geschenk zuteil wird. Diese große Freude sagt der Herr dem Knecht mit den zwei Talenten genauso zu wie dem mit den fünf, also unabhängig von der Anzahl der Talente jedem, der ein treuer Verwalter im Kleinen ist. Das Kleine ist der Erbanteil an dem Großen, das er erhalten wird, denn dadurch ist dem Knecht die Befähigung geschenkt, sich selbst und andere für die personale Beziehung zu seinem Herrn zu öffnen. So wird er aufnahmefähig für die große Gabe der Gottesvereinigung.



Wer aber seine Talente ichbezogen oder aus Angst vergräbt, dem wird auch noch genommen, was er zu haben glaubt, wovon er sich die Erfüllung seiner Sehnsucht erhofft, denn im Reich Gottes besteht nur das in Gott Gründende und Gegründete. Wer im Glauben voranschreitet, dem wird das Herz weit. Das weite Herz hat Platz für andere, für Gott sowohl wie für die Menschen. Ihm gilt die Verheißung und verbindliche Zusage: „Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!" Die Freude des Herrn ist keine von Menschen gemachte, sie stellt alle andere Freude in den Schatten, da sie bleibt und Freude in Fülle besagt.



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