Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

18. Sonntag im Jahreskreis / A (06.08.2017)


Gipfeltreffen sind uns nicht neu. Der G 20-Gipfel in Hamburg ist noch in taufrischer Erinnerung. Der Rückblick auf ihn ist eher zwiespältig. Sein Ergebnis scheint abgesehen von Krawallen und Verwüstungen mager ausgefallen zu sein. Mittlerweile sind schon wieder weitere Gipfel im Anmarsch, wenn wir an den kommenden Diesel-Gipfel denken. Die Idee des Gipfeltreffens aber ist wesentlich älter als unsere Gipfelveranstaltungen. Von einem religiösen Gipfel handelt das heutige Evangelium, das von der Geschichte der Verklärung Jesu auf dem Berg berichtet. Ausleger früherer Zeiten haben versucht, diesen Event innerhalb der uns vertrauten Welt zu lokalisieren: So habe Jesus mit seinen Jüngern auf einem Berg übernachtet, sei früher als sie aufgestanden, als es noch neblig war. Im Gegenlicht der aufgehenden Sonne sei er den Jüngern ganz weiß erschienen, und da er die Schrift gelesen habe, meinten sie Mose und Elija zu hören. Halbwache Jünger, Frühnebel im Gebirge und ein laut lesender Jesus, das sei der Kern und ganze Zauber der Verklärung Jesu.

Wir ahnen: das kann es nicht gewesen sein. Solche Deutungen zeigen, wie rasch wir an die Grenzen der Lächerlichkeit stoßen. Wollten wir uns nach den Maßstäben unserer Erfahrung und Vernunft einen Reim auf die Verklärung Jesu machen, wir kämen über die Versuche der Vergangenheit nicht hinaus. Alles in allem: Wir haben es hier mit Beispielen zu tun, Religion und Glauben in die Grenzen unserer Erfahrung und Rationalität einzugliedern. Jesu Verklärung stößt mit Gewalt an die Grenzen dessen, was wir erfahren, verstehen und erklären können. Tatsache ist: Wir erleben mehr, als wir begreifen, und können es doch nicht fassen. Die Verklärungsgeschichte ist überreich an religiösen Motiven und Symbolen. In ihr begegnet uns ein Herzstück unseres Glaubens: Jesus, Mose, Elija, Auferstehung, das Wort Gottes, alles, was für unseren Glauben von Belang ist, kommt darin vor. Der Bericht von der Verklärung wagt sich weit über die Grenzen unserer Erfahrungs- und Verstehenswelt hinaus: Gott ist da in dieser Welt, er erscheint in einer ganz bestimmten Person, er verwandelt die Welt, aus den Wolken von oben her ergeht ein geradezu unvorstellbares und himmlisches Ja zur Welt und zu uns Menschen. Faszinierend und furchteinflößend zugleich ist das, was in diesem herausgehobenen Augenblick erlebt wird. Menschen erahnen und spüren, dass mit ihrem Dasein etwas gemeint und los ist. Kein Wunder, dass in der Geschichte des Christentums die Verklärung Jesu eine wichtige Rolle spielte und spielt. Wir müssen die von uns recht eng gezogenen Grenzen der Erfahrung und Erfahrungswelt lockern, um dem Gehalt der Verklärungsgeschichte näher und auf die Spur zu kommen.

Da ist zunächst die Frage, ob es so etwas überhaupt geben kann. Darin meldet sich unser modernes Misstrauen, das es nicht erlaubt, dass es jenseits der Grenzen unserer Erfahrung etwas geben kann bzw. geben darf. Und doch gibt es diese Erfahrungen, die die Grenzen sprengen und die Tür aufstoßen, deren Raum wir nicht kennen. Doch gerade davon leben, künden und zeugen alle Religionen, dass sie über unsere selbstgezogenen Grenzen hinüber- und hinausblicken, um einen verwandelten Blick auf unsere Welt und unser Leben zu werfen. Wie arm wäre es, wenn es diesen Blick nicht gäbe! Wie trostlos wäre eine Welt, die nur in ihrer Selbstgenügsamkeit sich badet! Wir betäuben fortwährend unsere Sinne und amputieren dauerhaft unsere Welt. Wir verraten uns selber und verarmen, wenn wir aufhören, uns von den Einbrüchen jener jenseitigen Welt überraschen und beschenken zu lassen. Es ist, zugegeben, nicht leicht, von Dingen zu reden, die wir nicht fassen können und uns doch bewegen, doch sollte uns Bequemlichkeit nicht davon abhalten, das Unmögliche zu wagen.

Natürlich fragen wir weiter, wo wohl dieser Berg der Verklärung liegt. Die Ehrlichkeit verlangt, dass wir darauf mit einem Ja und Nein zugleich antworten. Nein, weil der Einbruch von oben in unser Leben ungleich mehr ist als eine gehobene Stimmung, eine gute Laune, ein religiöses Hochgefühl. Denn dann wäre je nach Vorlieben eine Oper, ein Theater, ein Museum, ein Spaziergang im Wald oder sonst etwas eine Manifestation von Religion und Glaube. Ja, muss die Antwort lauten, wenn es darum geht, was bei der Begegnung mit dem Heiligen vor sich geht, ausgelöst wird, uns ergreift und berührt. Die Verklärung, von der hier die Rede ist, geht durch Mark und Bein, ergreift und verwandelt ungesucht und ungemacht den Menschen. Der Berg, auf dem das geschieht, kann überall liegen. Es gibt schließlich, wenn wir die biblische Verklärungsgeschichte beim Wort nehmen, so etwas wie einen Gradmesser der Verklärung. Dieser ist die Kraft ihrer Verwandlung. Petrus wäre gern für immer auf dem Berg der Verklärung geblieben. Jesus jedoch steigt herab vom Berg und das Erste, was er tut, ist die Heilung eines kranken Jungen, dem niemand helfen konnte. Der hl. Augustinus hat daher in einer Predigt dem Petrus zugerufen: „Steig auch du herab vom Berg, wie der Weg es tut, und schwitze und arbeite!" Verklärung meint: Niemand ist nach einer solchen Erfahrung der, der er vorher war. Das ist das Wesen einer Verwandlung. Wo immer wir über die Grenzen unserer Erfahrung hinaus geraten, werden wir andere, wird schließlich auch die Welt anders. Wo die Welt anders wird, ist der Berg der Verklärung niemals fern. Die Glaubens- und Frömmigkeitsgeschichte kennt eine Reihe von sprechenden Beispielen dafür.

Das Evangelium von der Verklärung Jesu ist zu allen Zeiten eine Geschichte des Mutes, der Ermutigung. Es braucht Mut, um das sichere Geländer der Grenzen unserer Erfahrung zu verlassen und aufzu­brechen. Von nichts und niemandem sollten wir uns einreden lassen, unser Leben sei so seicht wie eine Regenpfütze. Es ist vielmehr tief und unermesslich wie der Ozean. Genau das möchte uns das Evangelium des Tages zurufen: Vergesst in eurem Leben nicht den Berg der Verklärung! Es gibt ihn, diesen Berg der Verklärung, für jeden von uns anderswo, aber es gibt ihn. Das mag auch ein Grund sein, warum dieser Berg in der Schrift keinen Namen trägt. Amen.

seidl Marketing & Werbung - Webdesign Passau Werbeagentur Georg Seidl