Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

6. Sonntag im Jahreskreis / B (12.02.2018)

Im Unterschied zu uns und heute spielen Aussatz oder Lepra in unserer Umgebung keine Rolle. Nicht nur die Bibel, auch die Entwicklungsländer außerhalb unserer Breiten sprechen eine andere Sprache. In der Heiligen Schrift gilt der Aussatz als eine abstoßende und unheilbare Krankheit. Mag er in Europa so viel wie ausgerottet sein, in Ländern der Dritten Welt wie Indien oder Brasilien rechnet man gegenwärtig mit einer Million Leprakranker. Mit der Masseneinwanderung ist allerdings auch bei uns die Befürchtung aufgetaucht, im Gepäck der Migranten könnte die Lepra auch bei uns mit eingeschleppt werden. Die wissenschaftliche Erkenntnis des Aussatzes als chronische Infektionskrankheit, die die Haut, die Schleimhäute und die Nervenzellen in Mitleidenschaft zieht, ist erst 170 Jahre alt. Mit derlei Informationen im Ohr sollten wir das Evangelium von der Heilung des Aussätzigen hören, dann werden wir es nicht so schnell als überholt und von gestern ablehnen. Es verdient nach wie vor unsere Aufmerksamkeit.

Von dem aus, was im Mittelpunkt der Schilderung steht, könnte man dieses Evangelium als eine „Hautgeschichte" bezeichnen. Gewiss, das klingt ungewöhnlich, aber was heißt das schon. Derjenige, der noch nie mit Hautproblemen zu tun hatte, mag die Geschichte als altmodisch abtun. Nicht nur Jesus und der Evangelist Markus, auch ein moderner Hautarzt würde ihn eines anderen belehren. Wir Menschen haben eine empfindliche Haut, sind so etwas wie Hautwesen. Unsere Haut bezeichnet so etwas wie die Grenzstation unseres Leibes. Sie hält ihn zusammen und grenzt ihn vom „Draußen" ab. Die Empfindlichkeit unserer Haut ist doppeldeutig. Einerseits verweist sie auf unsere Gefährdungen und Anfälligkeiten hin, auf der anderen Seite hängt unsere Sensibilität mit vielen Reizen und Empfindun­gen zusammen. Unsere Haut ist zuweilen sogar eine abgekürzte Bezeichnung für unseren ganzen Menschen. So können wir in einer mehr oder weniger guten Haut stecken bzw. jemanden mit Haut und Haar verschlingen oder aus der Haut fahren. Offensichtlich sind wir dann auf der Suche nach einer neuen Haut, abgesehen davon, ob ich eine finde. Wir ahnen, dass unsere Haut viel komplexer und komplizierter ist als wir ahnen. Diese Ahnung fordert uns auf, das, was in und hinter der Krankheit Aussatz steht, genauer anzuschauen. Hautkrankheiten sind uns sehr wohl bekannt, über Allergien wissen wir in zunehmendem Maß Bescheid. Die Kosmetikindustrie hat schon lange entdeckt, dass unsere Haut unser größtes und empfindlichstes Organ darstellt. Sie sagt und zeigt sehr viel von uns an. Über sie laufen unsere Berührungen. Von ihr erfahren wir, wenn uns jemand zu nahe kommt; sie offenbart uns, etwas von unserem inneren Zustand. Das Wissen darum hält uns an, das Verhalten Jesu dem Aussätzigen gegenüber genauer zu beobachten.

Jesus geht auf den Mann zu, er streckt ihm seine Hand entgegen, rührt ihn an, geht also eine leibhafte Verbindung mit dem von allen Gemiedenen ohne jede Berührungsangst ein. Der vom Aussatz Befallene hat sehr wohl erfahren und registriert, was hier mit ihm vor sich geht. Einerseits muss er mit seinem Aussatz selber zurechtkommen, mit der Tatsache, dass sich Menschen von ihm abwenden, weil sie Angst haben, angesteckt zu werden. Zum anderen gibt es Regeln, dass er für die Zeit seiner Krankheit sich von anderen fernzuhalten bat. Wie lange kann und soll man das aushalten, für den Rest seines Lebens ausgegrenzt zu sein? Wir können uns gut vorstellen, dass der Aussätzige ganz ähnliche Fragen gestellt haben mag, wie wir sie heute stellen. Er tut in seiner Situation genau das, was ihm vom Gesetz her eigentlich verboten ist. Er nähert sich Jesus, geht auf ihn zu und bittet ihn: „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde." Wir würden unsere Bitte anders formulieren, etwa: „Heile mich!" Der Leprakranke denkt und empfindet anders, als er Jesu Nähe suchte. Seine Bitte lautet anders: „Dein Wille geschehe!" Mit ihr appelliert er an Gott, ordnet sich ihm und seinem Willen unter, begibt sich auf eine andere Ebene. Er macht für Gott Platz, räumt ihm das Feld, lässt ihn entscheiden und handeln.

Wie reagiert Jesus? Er lässt sich in Wort und Tat ganz auf ihn ein, nimmt dessen bittende Nähe an und sagt: „Ich will es!" Dieses Ja löst etwas aus, es wirkt heilend, macht frei für Gott und seine Kraft. Es wird zu einer hautnahen Erfahrung für den Kranken selber, dann aber auch für seine Umgebung. Sie alle bekommen mit einem Mal eine ganz neue Haut. Gottes Kraft lässt den Aussätzigen wieder in die Ge­meinschaft der Menschen zurückkehren, Gott und seine Umgebung schauen ihn wieder an. Es scheint fast, als wäre Jesus von dem, was hier passiert, überrascht und überwältigt. Er versucht das Geschehene in geordnete Bahnen zu lenken. Natürlich ist das, was uns Markus berichtet, ein Wunder. Aber Wunder und Wunder sind nicht dasselbe. Sowohl Jesus und der Evangelist als auch wir haben recht verschiedene Vorstellungen davon. Ein Wunder ist nun einmal außergewöhnlich und nicht alltäglich, es liegt nicht auf der Straße. Damals wie heute kommen wir nur schwer damit klar, auch wenn wir uns manches Mal im Leben eines erhoffen. Der Geheilte aber fängt an zu reden, was ihm widerfahren, wer ihm begegnet ist. Er provoziert damit erneut Jesus, zwingt ihn zu reagieren. Jesu Reaktion besteht darin, dass er andere Orte sucht, wo er sich aufhalten kann. Aber selbst an noch so abgelegenen Orten wirkt Gottes Kraft durch Jesu Wort und Tat. Das spüren die Leute, deshalb kommen sie zu ihm, suchen seine Gegenwart auf.

Wenn wir uns heute auf den Weg machen, um diese Gegenwart Gottes zu erfahren, dann geben wir dem Ja Gottes zu uns Raum in unserem Leben. Gott sagt: „Ja, ich will" und befreit uns damit aus der Haut unserer alltäglichen Unansehnlichkeit. Diese uns vorausgehende und im Voraus bereitliegende Nähe Gottes zu uns, die uns zuvorkommt, macht es möglich, mit dem „Wenn du willst" des Aussätzigen zu antworten und uns von der Kraft Gottes berühren zu lassen. Die Bitte darum ist uns alles andere als fremd, da Jesus selber sie uns in den Mund und das Herz gelegt hat und legt im Gebet, das er seine Jünger gelehrt hat und in dem es nach wie vor heißt: „Dein Wille geschehe".


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